Das ist eine sehr interessante und wichtige Frage, die sich viele Eltern stellen. Es ist absolut verständlich, dass man als Mutter oder Vater das beste Vorbild für das eigene Kind sein möchte. Die Antwort ist nicht einfach schwarz oder weiß, sondern hängt stark vom Kontext und der Art des Fernsehens ab.
Grundsätzlich gilt: Das Vorbild ist das Verhalten, nicht das einzelne Handeln.
Es ist also weniger die Frage “Darf ich überhaupt morgens fernsehen?”, sondern vielmehr “Welches Verhalten lebe ich vor?”.
Hier sind die verschiedenen Aspekte, die man betrachten sollte:
Argumente, die eher dagegen sprechen (das klassische Bild)
- Bewegung: Der Morgen ist traditionell die Zeit, um den Tag aktiv zu beginnen. Wenn ein Kind sieht, dass die Mutter morgens still vor dem Fernseher sitzt, kann es lernen, dass der Tag passiv gestartet wird. In einer Zeit, in der Kinder ohnehin viel zu wenig Bewegung haben, ist ein aktiver Start (z.B. nach dem Aufstehen kurz tanzen, stretching oder einfach nur frische Luft schnuppern) oft der bessere Weg.
- Alltagsroutinen: Ein gestörter Morgen kann den gesamten Tagesablauf aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn das Fernsehen dazu führt, dass das Frühstück eilig stattfindet, Zähneputzen und Anziehen in den Hintergrund rücken oder die Zeit zum Spielen vor der Kita/Kinder schwindet, lernt das Kind, dass Medien wichtiger sind als die notwendigen Routineaufgaben.
- Qualität der Medieninhalte: Die Art des Programms am Morgen ist entscheidend. Handelt es sich um schnellen, nervösen Frühstücksfernsehen mit viel Werbung und kurzen, reizüberflutenden Clips? Oder geht es um einen ruhigen, informativen Beitrag, eine kurze Nachrichtensendung oder eine entspannte Dokumentation? Ersteres ist für Kinder (und Erwachsene) absolut nicht förderlich.
- Gemeinsamkeit vs. Alleinsein: Wenn das Fernsehen genutzt wird, um sich von den Kindern “zu erholen”, ohne mit ihnen in Interaktion zu treten, kann das Kind lernen, dass Medien als Flucht und Rückzugsort dienen. Es fehlt der wichtige, gemeinsame Start in den Tag, in dem man miteinander spricht, ein Lied singt oder gemeinsam frühstückt.
Argumente, die dafür sprechen können (das moderne, entspannte Bild)
- Entspannung und “Me-Time”: Mutterschaft ist fordernd. Wenn die Mutter morgens noch 15 Minuten Ruhe vor dem Fernseher braucht, um “warm zu werden” und Energie für den anstrengenden Tag zu tanken, ist das ein absolut legitimes und gesundes Bedürfnis. Ein entspanntes und gelassenes Elternteil ist ein besseres Vorbild als ein gestresstes und ausgelaugtes.
- Das Vorbild der Balance: Ein Kind lernt am allermeisten, wenn es sieht, wie Erwachsene Verantwortung für sich selbst übernehmen und Balance im Leben finden. Wenn die Mutter sagt: “Ich schaue mir jetzt 10 Minuten die Nachrichten an, während du dein Buch aus dem Kindergarten-Informationsordner anschaust, danach machen wir uns fertig”, lehrt sie folgendes:
- Medienkompetenz: Medien sind Werkzeuge, die man bewusst und zeitlich begrenzt nutzt.
- Respekt: Ihre eigene Zeit und ihr Bedürfnis nach Information/Entspannung sind wichtig.
- Struktur: Es gibt einen klaren Plan.
- Gemeinsames Erlebnis: Eine Ausnahme ist, wenn das Fernsehen ein bewusstes, gemeinsames Ritual ist. Vielleicht schaut sich die Familie zusammen eine bestimmte Sendung an (z.B. eine tierdokumentation im Ersten oder eine Kindersendung). Wenn dies geschieht, nachdem die wichtigsten Morgenroutine-Schritte erledigt sind, kann es ein positives, gemeinsames Moment sein.
- Vorbild in Sachen Nachrichten: Wenn die Mutter morgens die Nachrichten schaut, um über die Welt informiert zu bleiben, ist das auch ein positives Vorbild für Wissensdurst und politisches Interesse, solange die Inhalte altersgerecht sind.
Fazit und Empfehlung
Ein pauschales “Ja” oder “Nein” ist hier nicht möglich. Der Kern ist die Absicht und die Struktur.
Morgens fernzusehen ist dann ein gutes Vorbild, wenn es…
- …eine bewusste, zeitlich begrenzte Entscheidung ist und nicht zur passiven Gewohnheit verkommt.
- …nicht auf Kosten wichtiger Routinen wie Frühstück, Zähneputzen und Anziehen geht.
- …mentale Ruhe für die Mutter schafft, um danach präsenter für das Kind zu sein, anstatt sie zu fordern.
- …bei älteren Kindern dazu genutzt wird, über Inhalte zu sprechen, Medienkompetenz zu fördern und Regeln aufzuzeigen.
Wahrscheinlich ist das beste Vorbild in den meisten Fällen eine Mutter, die morgens sagt: “Zuerst kümmern wir uns um das Wichtigste, damit wir einen guten Start in den Tag haben. Ich richte das Frühstück zu, während du dich anziehst. Danach haben wir vielleicht noch 5 Minuten Zeit für [eine kurze Aktivität, z.B. einen Tanz, ein Spiel, oder ja: auch mal 5 Minuten für etwas Fernsehen/Information für mich].”
Ein Kind lernt nicht, dass eine Mutter “falsch” handelt, weil sie fernsieht. Es lernt, wie Prioritäten gesetzt werden und wie man ein erfülltes, strukturiertes und dennoch entspanntes Leben führt. Und das ist eine noch wertvollere Lektion.