Die Zahl der stotternden Kinder steigt. Die Sprechbehinderung wird oft zu spät erkannt. Dabei wäre eine frühe Therapie – vor der Einschulung – wichtig. Das verhindert nicht nur, dass sich das Stottern verfestigt, sondern erspart den Kindern auch viel Hohn und Spott durch andere Kinder. Denn durch den Stress im Klassenzimmer kann sich das Stottern noch verschlimmern.
“Keine Angst vorm Stottern” – ist das Motto des 11. Weltstottertags am 22. Oktober 2008. Mehr zum Thema erfahren Sie bei der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. unter: www.bvss.de/…2008.pdf
Ungefähr ein Prozent der Erwachsenen und fünf Prozent der Kinder in Deutschland stottern. Die Zahl der Kinder mit Sprechstörungen wächst: In den vergangenen Jahren, so hat die Techniker Krankenkasse (TK) in München ermittelt, sind die von Kinderärzten verordneten Besuche beim Logopäden um knapp 19 Prozent gestiegen. Im ersten Quartal 2007 hätten Kinderärzte fast 18.000 Überweisungen für eine Sprachtherapie ausgestellt. Hinzu kämen zahlreiche Kinder, die von anderen Ärzten zum Therapeuten geschickt würden.
Bei vier von fünf Kindern verschwindet das Stottern
Dreimal, so die TK, sollten alle Mädchen und Jungen zwischen dem zweiten und fünften Geburtstag zur Kinder-Vorsorge-Untersuchung geschickt werden. Denn der Kinderarzt kontrolliert nicht nur Größe und Gewicht des Kindes, sondern auch die altersgerechte Sprachentwicklung. Bayern 3-Kinderarzt Dr. Trinczek-Gärtner weiß: “Bei vier von fünf Kindern gibt sich das Stottern von allein. Doch nur der Experte weiß, wo weitere Maßnahmen nötig sind.” Wichtig: In den ersten Jahren sind die Chancen auf völlige Heilung am Besten.
Vor der Schule: spontanes Sprechen soll getestet werden
Die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe (BVSS) kritisiert, dass bei den derzeit üblichen Schuleingangsuntersuchungen Sprechbehinderungen wie das Stottern eher zufällig entdeckt werden. Manchmal werde bei Schuluntersuchungen noch nicht einmal nach dem Stottern gefragt und Eltern würden aus Scham verschweigen. Die Forderung der BVSS zum Weltstottertag: Es sollte bei allen Schuleingangsuntersuchungen auch das spontane Sprechen überprüft werden. Die Tests gibt es bereits, sie müssen nur angewendet werden. Nur so könne man das Stottern noch vor der Einschulung erkennen und mit der Therapie beginnen, bevor der Hohn und Spott der Klassenkameraden das Stottern des einzelnen Kindes noch verschärfe.
Monroe und Willis: Auch Weltstars haben gestottert
Winston Churchill stotterte. Marilyn Monroe stotterte in ihrer Kindheit auch – ebenso wie Bruce Willis, der in der Therapie zum Theaterspielen kam. Dem ebenfalls betroffenen Andreas Weise trösten die berühmten Vorbilder wenig: Er empfindet seinen Sprachfehler als “saublöde Behinderung”. Der 45-jährige Zahntechniker wiederholt und dehnt Laute und Silben, wodurch es zu Wortblockaden kommt. Vor allem mit dem Buchstaben A hat er zu kämpfen. Schon das Vorlesen in der Schule war für ihn eine Tortur. Wenn er später auf der Straße nach dem Weg gefragt wurde, schüttelte er stets den Kopf. “Wenn man in einer solchen Situation schnell reagieren muss, ist das Stottern am schlimmsten.”
Sätze von Stotterern zu vollenden, ist keine Hilfe
“Das Wissen über Stotterer ist ganz schlecht ausgeprägt”, sagt Ruth Heap, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. “Sie werden für dumm gehalten.” Das beeinträchtige auch ihren beruflichen Erfolg und die Partnerwahl. Heaps Tipp für den Umgang mit Stotterern: ”Man sollte stotternde Menschen genauso behandeln wie andere”, sagte sie. Wegschauen oder das Vollenden von Wörtern oder Sätzen seien ungeeignete Hilfen.
Sprachchaos im Gehirn
Die Ursachen des Stotterns sind komplex und liegen in strukturellen Schwächen in Teilen des Gehirns. So fand die Frankfurter Universitätsklinik in einem Forschungsverbund mit der Universität Kassel heraus, dass bei Stotterern während des Redens bestimmte Regionen in der rechten Hirnhälfte aktiver sind als in den Sprachregionen der linken Hirnhälfte. “Stottern ist Chaos im Gehirn”, beschreibt Andreas Weise das Gefühl, wenn die Worte nicht über die Lippen wollen.
Therapieansätze: Atemübungen und Sprachfluss
Bei Erwachsenen sind mehrere Therapieformen möglich. Die bis dato erfolgreichsten: “Stottermodifikation” und “Fluency Shaping”.
Fluency Shaping
Diese Therapieform will den Sprachfluss insgesamt beeinflussen. Das Sprechen wird dabei zunächst bis hin zu einer Kunstsprache verfremdet. Der Sprechapparat wird entspannt und die Atmung kontrolliert; Vokale werden gedehnt, die Sprechbewegungen mit wenig Muskelanspannung durchgeführt. Nach und nach nähert sich der Stotterer dann einem natürlich klingenden Sprechen an.
Stottermodifikation
Die Stottermodifikation (non-avoidance Methode) setzt bei den Wörtern oder Lautkonstellationen an, bei denen das Stottern am Stärksten auftritt und meist schon angstvoll antizipiert wird. Voraussetzung ist, dass zunächst Ängste und negative Einstellungen gegenüber dem Stottern abgebaut werden..
Die Kasseler Stottertherapie
Die “Kasseler Stottertherapie” arbeitet daran, beide Ansätze zu kombinieren. Mithilfe eines Computerprogramms kann der Stotternde seine Stimmkurven auf dem Monitor kontrollieren, während er seine Mundbewegungen im Spiegel beobachtet.
Die Del Ferro Methode
Eine weitere Methode, mit der Andreas Weise seine Stotterprobleme in den Griff bekommen hat, ist die Del Ferro Methode.
Del Ferro Methode
Entwickelt wurde die Therapie von dem früheren Operntenor Leonard del Ferro in Amsterdam. Das Konzept: Atemübungen und ein Training des Zwerchfells. Erfolge stellen sich rasch ein; um dauerhaft Fortschritte zu machen, ist allerdings hartes Training Pflicht.
Eine Therapie, die allen hilft, gibt es nicht
Die Frage, welche Therapie für welchen Patienten geeignet ist, ist nicht leicht zu beantworten. “Trotz anderslautender Behauptungen mancher Therapieanbieter steht fest: Die eine Therapie, die bei allen Stotterern Erfolg hat, gibt es nicht”, so Dr. Monika Rausch, Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie. Betroffene sollten sich zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen möglichst viele Informationen besorgen. Die Expertin rät: Jede Therapie sollte langfristig – etwa über 100 Stunden – angelegt sein, die Umgebung des Patienten einbeziehen und unter Aufsicht der Experten im Alltag eingeübt werden.
Hilfe und Tipps
Die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V.
Informations- und Beratungsstelle
Zülpicher Str. 58
50674 Köln
Tel. 0221 / 139 11-06 und -07
Fax: 0221 / 139 13 70
E-Mail: info@bvss.de
Internet: www.bvss.de
Deutscher Bundesverband für Logopädie
Augustinusstr. 11a
50226 Frechen
Internet: www.dbl-ev.de
Quelle: br-online.de