• Das ausgebuchte Kind

    Kinder sollten gefördert werden, dies kann man in fast jedem Ratgeber lesen, den es für Eltern zu kaufen gibt. Wir sollen ihre Talente entdecken, sie fördern und sie in ihrer Entwicklung unterstützen.

    So weit, so gut. Doch wie viel Förderung ist gut und wann wird aus dem Kind eine kleine Maschine, die Tag um Tag Termine abspult, die in der Anzahl denen eines Managers gleichkommen?


    Wie überall im Leben, so kommt es auch hier auf das „gesunde Mittelmaß“ an – und darauf, das Kind nicht zu etwas zu zwingen, was es eigentlich gar nicht möchte. Doch herauszufinden, ob das Kind nun tatsächlich aus eigenem Antrieb zum Ballett geht und zusätzlich noch Klavier spielen lernt, oder ob dies doch eher dem Ehrgeiz der Eltern zugeschrieben werden sollte, ist nicht immer leicht. Viele Kinder trauen sich nicht, ihren Eltern zu sagen, dass sie eigentlich gar kein Interesse daran haben, später mal im „Schwanensee“ zu tanzen oder ein zweiter Mozart zu werden. Eltern wiederum deuten dieses Verhalten oftmals als Zustimmung der Kinder – und drücken ihnen noch mehr Termine aufs Auge.


    Dabei ist es nicht immer der Ehrgeiz, der hinter diesem elterlichen Verhalten steckt.

    Auch das Unvermögen, sich am Ende des Kindergarten- oder Schultages mit dem Kind zu beschäftigen, oder der Wunsch, den eigenen Finanzstatus über die Anzahl der kindlichen Aktivitäten zur Schau zu stellen, raubt Kindern zunehmend die Kindheit.

    So „schleppt“ z.B. eine befreundete Mutter ihre 4 und 6 Jahre alten Töchter nahezu täglich zu einer anderen „Veranstaltung“, um möglichst alle eventuell vorhandenen Talente abzudecken und sich nicht als nachmittägliche Animateurin ihrer Kinder betätigen zu müssen.

    Als ich ihre 6-jährige Tochter neulich in der Trampolingruppe meiner Tochter entdeckte, kam ich auf insgesamt 5 Termine á 1,5 – 2 Stunden pro Woche und war schockiert. Wann bitteschön darf dieses Kind sich im Anschluss an den Kindergarten, der immerhin auch ganztags besucht wird, ausruhen und einfach mal Kind sein?


    Vor allem als Mutter möchte man seinem Kind natürlich die bestmöglichen Voraussetzungen schaffen, damit es das Kind später einmal „besser hat“. Auch ich möchte meiner Tochter gerne alles ermöglichen, um mir später einmal keine Vorwürfe machen zu müssen, dass sie auf irgendetwas verzichten musste.

    Doch die Balance zwischen der Förderung von Talenten und der Freiheit, Kind sein zu dürfen, muss erhalten bleiben.


    Wie sollte also die gesunde Portion Förderung aussehen, damit aus unseren Kindern keine Burn-Out-Opfer werden?

    Ob die Methode, die wir hier bei unserer Tochter anwenden, das Nonplusultra und genau so anzuwenden ist, kann ich nicht sagen. Jedes Kind ist anders – auch das kann man in fast jedem Buch über Kindererziehung lesen.

    Wichtig war und ist uns, dass unser Kind sich wenigstens einmal die Woche sportlich betätigt und soziale Kontakte knüpft. Deshalb haben wir schon im Babyalter einmal wöchentlich eine Krabbelgruppe besucht.

    Mit dem Wechsel in den Kindergarten wurde aus der Krabbelgruppe die Turngruppe im Sportverein. Mittlerweile ist aus der Turngruppe – auf den Wunsch unserer Tochter hin – das Trampolinspringen geworden. Zusätzlich geht sie einmal die Woche zum Reiten und nimmt im Kindergarten an verschiedenen AGs teil. Doch diese Aktivitäten entsprangen alle aus ihrem eigenen Antrieb heraus; so meldete sie sich seinerzeit z.B. selbstständig im Chor des Kindergartens an.


    Die Nachmittage bleiben frei und sind zum Spielen gedacht – entweder allein, mit Spielkameraden oder mit den Eltern. Man sollte sich jedoch nicht als Dauer-Animateur seines Kindes sehen, denn wie sollen unsere Kinder lernen, Langeweile auszuhalten und kreativ zu werden, um diese zu füllen, wenn ihnen dafür nicht die Möglichkeit geboten wird?

    Nun lässt sich hier nicht sagen: Pi mal Daumen sind soundso viel Termine pro Woche für ein Kind ok. Dies ist immer abhängig davon, wie viel Ruhebedürfnis ein Kind hat und wie viel Zeit es für sich selber braucht. Manche Kinder lieben die Action und möchten von sich aus alles „mitnehmen“, was das Leben zu bieten hat. Anderen Kindern reichen hingegen bereits die Aktivitäten, die sie in Kindergarten oder Schule mitmachen.


    Ich frage mich immer, ob mir selbst zu viel wäre, was ich meinem Kind zumute oder was es sich selber zumutet. Wenn ich überlege, dass meine Tochter aktuell neben Trampolinspringen und reiten von sich aus im Kindergarten noch an Chor-, Englisch- und Koch-AG teilnimmt, stellt sich bei mir beim bloßen Gedanken daran schon ein Burn-Out-Gefühl ein.

    Man sollte sich deshalb immer die Frage stellen, wie viel man sich selber zumuten würde und ab wie vielen regelmäßigen Terminen pro Woche man überfordert wäre.


    Weniger ist oft mehr – trotzdem wir in einem Zeitalter leben, in dem von nichts nichts kommt und wir im Grunde genommen dazu gezwungen sind, uns ständig weiterzubilden, um den Anschluss nicht zu verlieren.

    Dennoch: Kinder sind in erster Linie Kinder – und sollten die Möglichkeit haben, diese auch so lange wie möglich zu bleiben.